Schwörtag: Früher war‘s auch nicht einfacher: OB Barbara Bosch demonstriert in Krisenzeiten Optimismus
Schwörtag: Nur der Most war steuerfrei
VON MARION SCHRADE
REUTLINGEN. Die Stadtgarde zieht ihre Säbel zum Gruß, dann wird‘s für Oberbürgermeisterin Barbara Bosch auf der Bühne vorm Friedrich-List-Gymnasium auch schon ernst. Dem Brauch des Schwörtags folgend erhebt das Oberhaupt der Stadt auf das Wohl derselbigen ihr Glas. Beherzt nimmt die schwäbische Oberbürgermeisterin den Römer entgegen, blickt in die Runde und fragt knitz: »Was henner mr denn wieder nei do?« Was auch immer es war, es scheint zu munden. Die OB schafft‘s auf Ex und ist gewappnet für ihre Schwörtagsrede.
Früher war‘s auch nicht einfacher: Optimismus in Krisenzeiten verbreitete der Schwörtag. FOTO: NIETHAMMER
Früher war‘s auch nicht einfacher: Optimismus in Krisenzeiten verbreitete der Schwörtag.
FOTO: NIETHAMMER
Festlich und friedlich soll es am Schwörtag zugehen, schließlich will es die Geschichte so. Reutlingen ist stolz auf 600 Jahre reichsstädtische Freiheit. 600 Jahre, in denen, wie die Oberbürgermeisterin immer wieder betont, jede Menge Demokratie steckt. Beim Schwörtagsritual ging es schon damals nicht nur um den Eid des neuen Bürgermeisters und seiner Räte, sondern auch um die Bürger, die Loyalität zu geloben hatten. »Beide Seiten zum Wohl der Stadt«, bringt es Barbara Bosch auf den Punkt. Deshalb wird am Festtag auch nicht gestritten oder provoziert, sondern vor allem gelobt und zusammengehalten.

Das gilt auch in Krisenzeiten wie diesen. »In Reutlingen fehlen uns auf einen Schlag im Doppelhaushalt 2009/2010 knapp 50 Millionen Euro. Das übertrifft alles bisher Dagewesene. Und trotzdem wäre es falsch, die Regler in unserer Stadt jetzt komplett auf Null zu stellen«, sagt Bosch und gibt damit die Marschrichtung vor: Eine »gut austarierte Mischung aus gezielten Investitionen und Zurückhaltung« soll die Stadt fit und solvent für die Zukunft machen. Die Projekte, die Bosch auf der Liste der »gezielten Investitionen« ganz oben führt, sind alles andere als Kleinigkeiten: der Bau der Stadthalle, der Kauf der Achalm und der Bau des Scheibengipfeltunnels.

Dass ist zwar alles nicht ganz billig aber noch lange kein Grund zum Verzweifeln, wie die OB findet. Sie führt Mutmach-Beispiele aus der Geschichte an: In den Jahren der Weltwirtschaftskrise hatte die Achalmstadt nicht nur die Rechnung für die elektrische Straßenbahnlinie, sondern auch noch die fürs Hallenbad in der Albstraße und für das Wasserkraftwerk in Kirchentellinsfurt zu begleichen. Um Ideen zur Finanzierung war der Gemeinderat nicht verlegen: Er führte eine Getränkesteuer ein. Unbesteuert blieb nur selbstgemachter Most.

Die Moral von der Geschicht‘: Hingekriegt hat man‘s immer irgendwie. Deshalb feiern Bürger und Oberhäupter vom Bezirksrat bis hin zum Bundestagsabgeordneten einmütig. Auf der Bühne tanzen Trachten- und Kulturvereine, historische Fahnen werden geschwungen, Chöre und Kapellen musizieren und die Schützengilde schießt Salut. Schon am Vorabend wurde im Schwörhof gefeiert.

»Ernest and the Hemingways« kämpften mit jazzigem Gute-Laune-Sound gegen etwaige Anflüge von Krisenstimmung, der Licht- und Feuerkünstler Christian Dirr zauberte Hoffnungsschimmer in den Nachthimmel. Außerdem hat Reutlingen ein paar musikalische Räte, die sich auf die Bühne trauen. Und einen Bürgermeister namens Peter Rist, der singt, Posaune spielt und die Hymne der Heimattage »Kultur schafft Heimat« komponiert hat. Übrigens: »Rockwärts« ist Deutschlands einzige Gemeinderatsband und damit auch die beste. (GEA)